Dieses unerträgliche Schweigen

Ich habs vergeigt. Und das Sonntags, beim Frühstück. Das so gemütlich werden sollte. Dazu dann sein unerträgliches Schweigen, das mich zur Raserei bringt. Er guckt mich nicht mehr an, senkt den Blick, verzieht sich in sich selbst. Ist nicht mehr erreichbar. Wie ich das hasse! Nein das ist noch lange nicht gut. Auch wenn ich weiß woher das kommt. Auch wenn es vielleicht besser wäre, ich hätte die Klappe gehalten. Ich möchte das auch mal so können. Schweigen. Null Reaktion zeigen.

Ich bin so wütend!

Dabei fing der Tag gut an, mit kuscheligem Aufwachen. Und dann, als ich zum Frühstück erschien, war das Radio an, Gottesdienst, katholisch! Sehr gut, sagte er, die Predigt. Es ginge ums Annehmen. Um den Ölberg. Wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein. Und bei mir kam sofort die alte Geschichte hoch. Auch wenn ich schon -zig mal geschworen habe, endlich ganz zu vergessen. Es gibt Situationen da macht es „pling“ – und alles steht mir wieder vor Augen, als sei es gestern gewesen. Dabei ist es nun schon 4 1/2 Jahre her. Tatsächlich, so lange? Da könnte ich das doch wirklich mal abhaken. Aber wenn es erstmal hochkommt, ist es hartnäckig. Es schafft sich Platz. Wenn er dann beginnt zu schweigen, den Kontakt komplett einzustellen, werde ich unglaublich sauer und möchte ihn nur noch anklagen. Da ist Schmerz. Und bei ihm? Scheinbar nichts. Jedenfalls nichts, wodurch ich vielleicht besser verstehen könnte. Nichts, was uns in dem Moment einander wieder näher bringt. Nur Wut. Schmerz. Schmerz und Wut. Ja, es gab viele Entschuldigungen. Aber gestern, als der amerikanische Spielfilm lief und sich mehrere Leute ständig entschuldigten,wo ein“ es tut mir leid“ das nächste ablöste, fand er das blöd und regte sich bei jedem Mal darüber auf. Also, was ist dann eine Bitte um Entschuldigung wert? Nur, weil er eben grundsätzlich keine amerikanischen Spielfilme mag? Das ist eine Haltung. Dann sucht man nach Dingen die das bestätigen.

Ich wollte von ihm wissen, was er denn gehört habe aus der Predigt, was denn nun daraus seine Botschaft an mich sei. Was er verstanden hat, was ihn angesprochen hat. Das könne er nicht sagen.Und er schweigt. Guckt mich nicht mehr an. Zieht sich in sich zurück. Ich werde immer wütender und schmeiße mit Anklagen um mich. Vielleicht kann er es wirklich nicht ausdrücken. Vielleicht denke ich viel zu weit und er weiss nicht was ich will.

Dreimal hab ich mir die Predigt inzwischen angehört. Was hat mich denn angesprochen? Die Selbstkritik, die Kritik an der Kirche. Das Moral mißbraucht wird. Das mit zweierlei Maß gemessen wird. Und auch das Sanfte, das Nicht-Urteilen, das annehmen. Ja. Das bei-sich-gucken. Ja. Wenn ich moralisch einwandfrei gehandelt hätte, wären wir ja jetzt gar nicht zusammen.

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte diese Fähigkeit auch, zu vergessen, was nicht gut gelaufen ist und wenn überhaupt, sich selbst als Opfer zu sehen. Klar, es ist eine Möglichkeit, zu vergessen.

Jetzt, während ich das schreibe, kommen auch wieder andere Bilder dazu. Bilder der Versöhnung, Texte. Die Beteuerung, dass er doch nur mich liebt. Und damals meinte er er liebe zwei Frauen. War fest davon überzeugt. Ich könnte ausrasten!

Er kommt nicht hoch zu mir. Ich war gerade unten. Wer macht den ersten Schritt?

Dazu der Gedanke an meinen bevorstehenden Geburtstag in ein paar Tagen. Keine Frage nach einem Wunsch. Bei seinen Söhnen, ja. Bei mir, nein. Und ich bin zu stolz, um etwas zu sagen. Und ist es wichtig? Sind doch alles nur Sachen. Und jetzt noch dieser Scheiß.

Ich brauche Zeit.

Nächstes Mal werde ich den Raum verlassen, mich meinem Schmerz allein widmen. Erst kommt die Wut, dann die Trauer. Einfach zulassen. Bis gut ist, sagt Sabine.

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