Besinnliche Weihnachtszeit?

Bild von <a href="https://pixabay.com/de/users/blackout_photography-510727/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=3043710">Miriam Müller</a> auf <a href="https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=3043710">Pixabay</a>

Auf gehts

Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Nur schnell einen Gutschein besorgen – und na ja, vielleicht noch ein paar Teelichte, die sind da besonders günstig und brennen lange! Ich hatte sogar Lust dazu, neulich sagte jemand, ein Besuch in diesem Laden gehöre für sie einfach zu Weihnachten dazu. Danach würde ich schnell nach Hause fahren und meinen freien Nachmittag, Ruhe, vielleicht eine Kerze, eine Adventsgeschichte, einen Cappuccino genießen.

Angekommen

Als ich auf den Parkplatz einbiege, sind genügend Plätze frei. Ich nehme gleich einen der ersten. Drinnen angekommen, schlage ich den bekannten, kurzen Weg direkt zu den Kleinartikeln ein. Ich schaue hier und dort und finde ein paar nützliche Dinge. Ich bin ja so entspannt! Da, eine Lautsprecherdurchsage lässt mich aufhorchen. Matratzen sind im Sonderangebot! „Schlafen Sie nach Weihnachten himmlisch, wie von Engeln getragen“. „Kommen Sie in die Schlafzimmerabteilung“ lockt die sanfte Stimme. Das klingt gut! Da kann ich mich doch gleich mal erkundigen…meine Tochter wünscht sich ja eine Matratze, das Angebot kommt wie gerufen.

Eins nach dem Anderen

Aber erstmal die Kleinteileabteilung durchwandern. Es ist fast wie auf dem Jakobsweg! Da sollen ja mittlerweile auch so viele Menschen herumlaufen, dass man kaum noch Ruhe findet.. Nachdem ich die Teelichter- und noch ein paar andere Kleinigkeiten, die wir unbedingt brauchen! in die praktische gelbe Tasche gepackt hatte (hätte ich mich doch lieber für einen Einkaufswagen entschieden..) und eine Freundin angerufen habe, die auch die Teelichte liebt.. beginne ich aufzuzählen, wie bei „ich packe meinen Koffer“ um bloß nichts zu vergessen, vor allem nicht den Gutschein. Ich hatte zudem etwas entdeckt, was den Kindern meiner Freundin gefallen könnte. Ich rief sie an. Sie hatte eine bessere Idee. Ein weiteres Teil für meine Koffer.

Weiter gehts

Inzwischen bin ich im Kassenbereich und will mich nur mal eben (!) nach den Matratzen erkundigen. Die Information ist da hinten, 30 Meter weiter. „Ihre Tasche können Sie gern hier stehen lassen, die kommt nicht weg.“ Na, hoffentlich hat der freundliche Mitarbeiter Recht! Ich habe nämlich wenig Lust, nachher alles neu zusammen zu suchen, falls jemand gerade meine Schnäppchen entdeckt und eben NICHT Lust hat, alles selbst einzusammeln… Ok, ich vertraue ihm ausnahmsweise und begebe mich zur Information. Ich nenne dem Mitarbeiter die gewünschte Matratzengröße, er schaut in seinen Computer und findet sie nicht. Ich kann mir das nicht vorstellen. Er schwenkt seinen Monitor elegant zu mir herum und lässt mich selbst auf den Bildschirm schauen. Er empfiehlt mir, doch lieber selbst in die Bettenabteilung zu gehen. Wie komme ich denn am besten nach oben? Da vorn rechts, Gang 35, dann die Treppe hoch. Ok, die Treppe kenne ich, da bin ich ja vorhin schon einmal hoch gelaufen.

Wie in Trance durch die Gänge

Oben beginnt dann das Drama. Ich kämpfe mich durch, den schwarzen Pfeilen folgend, schaue auf die blauen Schilder, irre durch die Gänge, die kein Ende nehmen wollen, noch eine Kurve, noch eine Gerade, ich habe das Gefühl, ich laufe im Kreis! Wohnzimmer, Tische, Schränke, Stühle, Kinderzimmer! Mühsam und Haken schlagend bahne ich mir den Weg zwischen Kinderwagen, schlendernden Liebespaaren, Suchenden, großen und kleinen Einkaufswagen. Wie im Rausch durchkämme ich die Gänge, gehe wie in Watte gehüllt, nehme die anderen Menschen um mich herum nur noch undeutlich wahr, nur weiter, weiter, dem Ziel entgegen. Wo ist nur die Bettenabteilung?? Es scheint hier alles zu geben, nur keine Schlafzimmer! Ich gehe weiter, rastlos. Dann endlich bin ich da. Ich atme auf. An einem Stand wiederhole ich meine Frage. Die Mitarbeiterin verweist mich zur Kinderabteilung. Oh nein, bitte nicht. Ich komme mir vor wie in einem Albtraum. Ich wundere mich zwar, dass kleine Kinder so große Matratzen brauchen, folge aber brav ihren Anweisungen und mache mich auf (nicht nach Galiläa, aber es kommt mir fast so vor..) Die nächste Mitarbeiterin denkt mit – und klärt mich über meinen Irrtum auf. 100×140? Sie meinen wohl 200×140? Ich überlege kurz und stimme ihr dann zu, sie hat wohl Recht, ahne ich. Sie können sich schon vorstellen, was nun kommt. Schweren Herzens nehme ich die Peilung auf, zurück zu den Schlafzimmern! Ich kann nicht sagen, dass ich mich inzwischen besser zurecht finde.

Nur noch weg – wer weist mir den Weg?

NIMM MICH MIT – ICH MUSS HIER RAUS! Wie gerufen springt mir dieser Spruch in ROT auf GELB plötzlich auf meinem Weg gleich mehrmals entgegen. Vorher ist er mir gar nicht aufgefallen. Jetzt aber steht er da, wie für mich gemacht. Genau das möchte ich hinausschreien. Er erinnert mich entfernt an eine Fernsehserie, die ich allerdings (glücklicherweise) nur vom Hörensagen kenne.
Wer zeigt mir den Weg nach draussen?? Ich will hier weg. Andererseits will ich nicht aufgeben, ich habe ja mein Ziel fast erreicht. Tatsächlich finde ich schließlich, was ich suche. Die Mitarbeiterin, die mich ja schon kennt, oder ich kenne sie (jedenfalls wirkt sie vertraut), bitte ich um Beratung, denn es gibt circa 20 verschiedene Matratzentypen. Wo sind die Sonderangebote? Welche Liegeware ist zu empfehlen? Sie ist nicht angetan von meinem Ansinnen mich zu den Angeboten zu begleiten, erhebt sich dann doch träge von ihrem Drehstuhl. Langsam bequemt sie sich, mir die Schilder zu zeigen, auf denen neben den schwarzen auch rote Preise stehen, die Sonderpreise eben. Aha sage ich, und schaue verwirrt um mich, danke. Ich laufe noch einmal hin und zurück, schaue auf die Preise, die Werbeschilder, die Matratzen, das reicht. Mir schwirrt der Kopf von den Beschreibungen. Schaumstoff, Latex, Federkern, Gewichtsangaben, bei welchem Körpergewicht brauche ich welche Matratze, Tabellen, Skizzen von verschiedenen Materialien in unterschiedlich dicken Schichten, Größen, Preise… ich bin nicht mehr aufnahmefähig. Mein Gehirn hat abgeschaltet, sorgt nur noch dafür, dass ich meine Füße einen vor den anderen setzen kann. Ich habe genug gesehen und mache mich auf den Weg zur Kasse – beziehungsweise zunächst zu meiner Tasche.

Ein letztes Mal.

Sie wissen schon, was jetzt kommt, schwarze Pfeile auf dem Boden, blaue Schilder, Gänge ohne Ende… ich erinnere mich dunkel, ich muss Richtung Cafeteria.. Soviel kann der Rest funktionierendes Gehirn gerade noch bewältigen. Jedes Mal, wenn ich die Kaffeetasse auf einem der Schilder entdecke, jubiliere ich. Es ist es wie eine Oase in der Wüste. Gleich habe ich es geschafft!

Wahre Weihnachtsfreude?

Meine Tasche steht noch brav noch an Ort und Stelle. Das Bezahlen an der Kasse ist eine Kleinigkeit gegen die Odyssee durch die endlosen sich hinziehenden Gänge, gesäumt von Möbelstücken ohne Ende des blau-gelben Möbelgiganten. Den Gutschein bekomme ich an der Kasse…Die gelbe Tasche tausche ich dort gegen eine blaue. Wahrscheinlich träume ich heute Nacht blau-gelb. Sonne und Mehr könnte das sein, aber für so ein Entspannungsbild muss ich hier schon viel Phantasie aufbringen. Ich schließe kurz die Augen und wähne mich auf meiner Insel. Dann schleppe ich die Tasche zum Auto und steige ein. Endlich. Es fühlt sich vertraut an, fast schon wie zuhause. Erschöpft lehne ich mich gegen die Rückenlehne.

Ganz schön anstrengend, für einen Gutschein und ein paar Teelichte mehr als eine Stunde, gefühlte 3 Stunden, die mich durch die ganze Welt des Wohnens geführt haben. Wahre Weihnachtsfreude? Die hatte ich mir doch eigentlich anders vorgestellt.

Lebe ich? Oder kaufe ich noch ein…

Renate Witt-Frey, im Dezember 2009, ergänzt im dezember 2021

In diesem Sinne wünsche ich Dir & Euch besinnliche Weihnachtstage, einen guten Rutsch ins Neue Jahr – und wenn nächstes Jahr Weihnachten naht, mehr Muße, Zeit für Glühwein und Adventsgeschichten, für ruhige Momente beim Schein der Kerzen- mehr Leben –
kurz- alles, was ich mir und uns auch selbst immer wieder wünsche 😉

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